Stand: Nov. 2017

 

15. ...Zugabe zu Beitrag 09...

 

(oder: Die ewig gleichen Behauptungen von Grünlingen)

 

Tabellen sind langweilig und der Beitrag 09 mit der Überschrift „..öde Tabellen und eine Zugabe...“ ist so ein langweiliger Beitrag. Kann man ihn aufpeppen? Versuchen wir es mit ein paar Antworten auf einige der Grünlings-Behauptungen. Vielleicht so:

 

G: Gentechnik ist ungenau. (Behauptung)

A: Warum soll sie denn ungenau sein?

G: Man weiß nicht, an welche Stelle das fremde Gen hingeht. Und dann macht es Unfug.

A: Wieso?

G: Weil niemand weiß, was die Pflanzen jetzt machen. Der Züchter läßt sie einfach so auf die Menschheit los.

A: Da(s) haben Sie wohl miss(t)-verstanden. Richtig ist, direkt nachdem man die Gentechnik-Methode angewendet hat, erhält man viele Pflanzen und in jeder Pflanze ist das Gen an einer anderen Stelle.

G: Aha, sag' ich's doch.

A: Ja, aber dann sehen die Züchter nach, in welcher Pflanze das Gen keinen Unfug macht.

G: Das kann ich nicht glauben, das ist unmöglich, niemand weiß, wo das Gen steckt; außerdem kann man Gene nicht sehen.

A: Doch es gibt Methoden, mit denen man die Stelle auf den Punkt genau orten kann; es gibt auch Methoden mit denen man erkennt, ob es Unfug macht und man kann auch testen, ob es allergische Reaktionen hervorruft. Und jetzt, ganz wichtig: Nur die Pflanzen, die geeignet sind, aus denen entwickelt man neue Sorten.

G: Hmpf. Ich gehe trotzdem Genpflanzen ausreißen.

 

(Wie Sie sicher bemerkt haben, ist G ein Grünling und A, das bin ich. Und L, lieber Leser, das sind Sie im nächsten Gesprächsteil.)

 

A: Sie können es nun glauben oder nicht, Fakt ist: Der Ort, wo das Gen in den langen Erbgut-Fäden steckt, kann genau bestimmt werden.

L: Wenn das so ist, dann ist es doch gar nicht so schlimm, wenn man am Anfang nicht weiß, wo das Gen steckt. Hauptsache, die Pflanzen sind in Ordnung, wenn man sie später vermarktet.

A: Ja, das müsste eigentlich jeder vernünftige Mensch so sehen, auch wenn er selbst wenig von Pflanzenzucht versteht.

G: Nein, es ist gefährlich. Sobald die Pflanzen irgendwo ein fremdes Gen haben, könnten sie doch aus dem Labor entweichen, sich kreuzen und niemand kann die Nachkommen mehr einsammeln.

A: Aber das fremde Gen ist doch sowieso schon in der Natur vorhanden. Nur in einer anderen Kultursorte, in einer anderen Art.

G: Man muss schon von Anfang an wissen, wohin das neue Gen kommt.

A: Ja, genau das kann man jetzt mit den allerneusten Methoden machen.

(Sie haben sich nicht verlesen. Jetzt kann man von Anfang an ein fremdes Gen an die gewünschte Stelle bugsieren oder - wenn's denn kein fremdes sein soll - ein Gen der Pflanzensorte genau an der gewünschten Stelle verändern. Dass das jemals möglich sein würde, damit haben diese Grünlinge wohl nicht gerechnet. Bis vor ein paar Jahren hat damit eigentlich keiner gerechnet, auch die Gentechniker selber nicht. Grünlinge haben im Geheimen gehofft, dass man das niemals schaffen wird. Aber wie der Fortschritt eben so ist: Unberechenbar.)

 

G: Das kann ich nicht glauben, das ist unmöglich. Und außerdem Gentechnik ist Gentechnik und Gentechnik ist gefährlich. Und unnatürlich. (Behauptung)

A: Aber ihr habt doch immer gesagt, wenn es genauer ginge, dann wäre es okay.

G: Ja, aber es ist Gentechnik.

A: Man kann die neuen Methoden aber auch als verbesserte Mutagenesen bezeichnen. Als punktgenaue Mutagenesen. Und das ist es im Grunde auch.

G: Nein, kann man nicht. Es werden nämlich Erbbausteine dabei genommen. Und mit Erbbausteinen ist es Gentechnik.

A: Aber auch bei den alten Mutagenese-Techniken hat man oft leicht veränderte Erbbausteine eingesetzt. Soll ich ein paar aufzählen?

G: Das glaube ich nicht.

A: Doch z.B. Bromdeoxyuridin oder 2-Aminopurin.

G: Nein, das sind Chemikalien.

A: Chemiker haben allen Molekülen chemisch klingende Namen gegeben, auch den DNA-Bausteinen. Zu Haushaltszucker sagen die Chemiker u. a. β-D-Fructofuranosyl-α-D-glucopyranosid und zu Wasser z. B. Diwasserstoffmonoxid oder Dihydrogenmonoxid. Und diese Chemikalien essen und trinken wir jeden Tag.

G: Gentechnik bleibt Gentechnik. Hmpf. Ich gehe trotzdem Genpflanzen ausreißen.

 

A: (leise vor sich hin fluchend) Und was machen die Grünlinge jetzt? Jetzt klammern sie sich an die Definition „Gentechnik“. Jetzt geht es nicht mehr um punktgenau, oh, nein, jetzt feilschen sie um die juristische Definition von „Gentechnik“. Alles was irgendwie nach Gentechnik riecht, muss nun verboten werden, zumindest bei Pflanzen. Selbst dann, wenn man gar kein fremdes Gen hineinbringt, sondern nur ein Gen der Pflanze punktgenau verändert. Um es platt zu sagen: Da kann man doch dran fühlen. So einer muss doch reif für die Klapsmühle sein. Um das mit der Klapsmühle noch ein wenig attraktiver zu machen, gehen wir achtzig Jahre zurück. Wissen Sie, was man seit dieser Zeit in der Pflanzenzüchtung macht?

L: Nein. Was?

A: Doch Sie wissen es. Ich habe es in den Text-Beiträgen 04, 07 und den folgenden versucht zu erklären.

L: Ach, ja. Ich erinnere mich. Wie war das noch?

A: Ich wiederhol's noch mal. Man nutzte eine Reihe ziemlich rabiater Methoden. Hier eine davon: Man ballert mit radioaktiven Strahlen auf unsere Kulturpflanzen und guckt was rauskommt. Man ballert lange und kräftig. Unser einer würde mit so einer Dosis garantiert ins Jenseits befördert. Am Rande der Todeszone findet man jämmerlich verkrüppelte Pflanzen. Sollten diese noch Nachkommen in die Welt setzen können, so sehen die meisten dieser Nachkommen nicht sehr glücklich aus. Ein paar wenige schaffen es dann, vom Züchter hochgepäppelt und untereinander oder mit anderen Sorten gekreuzt, eine neue Sorte zu werden. Was für ein freudiges Ereignis, denn die neue Sorte ist auf ganz „natürlichem“ Weg entstanden.

G: Ja, ganz natürlich. Radioaktivität ist doch natürlich.

A: Ach, Herr Grünling, Sie sind noch da?

L: (schaut merkwürdig)

A: Wieso schauen Sie jetzt so merkwürdig ungläubig.

L: Das soll natürlich sein?

A: Ja, Grünlinge sind der festen Überzeugung, das sei natürlich. Nicht richtig natürlich, weil ja Radioaktivität im Spiel ist, aber doch schon etwas natürlich, weil die Veränderungen in den armen Pflänzchen auch so normal passieren könnten. Zu mindestens manchmal. Irgendwo auf der Welt. Ganz zufällig. Nicht so viele auf einmal. Also quantitativ wäre das vielleicht nicht natürlich, aber qualitativ.

L: Das habe ich nicht verstanden.

A: Ich auch nicht. Nun muss man noch Folgendes bei den rabiaten Holzhammer-Schrotschuss-Methoden bedenken - und das war die ganzen acht Jahrzehnte so: Man hatte keine Ahnung, wie viele Veränderungen es in so einer Mutantensorte gab; man hatte keine Ahnung, an welchen Stellen genau im Erbgut etwas passiert war; man hatte keine Ahnung, was die Veränderungen im Einzelnen für einen Unfug anrichteten. Erst in den letzten paar Jahren sind die Methoden so weit fortgeschritten, dass man es herausbekommen könnte, wenn man denn wollte. Aber dringend ist das für Grünlinge nicht. Denn dann müssten sie ja auf viele Sorten verzichten und Bio-Lebensmittel würden noch teurer.

Hier kurz meine Sicht der Dinge: All das mit der Radioaktivität bei der Züchtung hat uns viel mehr genutzt als - wenn überhaupt - geschadet. Die viel genauere Gentechnik nützt noch viel mehr und schadet - wenn überhaupt - noch weniger. Aber Herr Grünling will noch was sagen. Bitte sehr.

 

G: Die Gen-Pflanzen werden in riesigen Mengen in die Natur gebracht und da verbreiten sie sich und kreuzen sich und verseuchen die Wildpflanzen. Das geht so schnell, da kann sich die Natur nicht dran gewöhnen. Bei unseren Öko-Sorten hat es Jahrhunderte gedauert. Da konnten sich die Menschen und die Natur dran gewöhnen. (Behauptung)

A: Aber das ist doch bei Schrotschuss-Mutanten-Sorten - genauer - eigentlich bei allen Sorten, die plötzlich nachgefragt und dann in riesigen Mengen angebaut werden, auch der Fall.

G: Ja, aber die sind natürlich.

A: Aber da essen plötzlich hunderttausende Menschen Körner, Blätter, Knollen oder Früchte einer neue Sorte. Innerhalb von ein paar Jahren werden tausende, zehntausende oder mehr Hektar angebaut. Mit Millionen, mit Milliarden gleicher Pflanzen wird die Natur überschwemmt. Und ich wiederhole mich: Man hat keine Ahnung, wie viele Erbgutveränderungen in so einer Sorte stattgefunden haben; man hat keine Ahnung, an welchen Stellen im Erbgut etwas verändert ist; man hat keine Ahnung was passiert, wenn sich Wildpflanzen mit der neuen Sorte kreuzen; man hat keine Ahnung, was die neue Sorte in der Natur anrichtet.

G: Ja, aber die sind natürlich gezüchtet. Da reiße ich nix aus. Hmpf.

L: (zieht die Augenbrauen hoch und zuckt mit den Schultern)

 

Fazit:

Wie man sieht, sind dumme Behauptungen schnell aufgestellt. Die Richtigstellung dauert länger, manchmal viel länger und ist, wenn auch Fachausdrücke vorkommen, leider oft schwer- bis unverständlich. Zum Erklären braucht's den Experten mit Spezialwissen und Erfahrungen, wie in jedem Beruf.

Und darauf setzen die Grünlinge. Nein, nein, nicht auf's Spezialwissen und Leute mit Erfahrung. Sie setzen auf Halbwahrheiten, auf Halbwissen, auf kurze schwachsinnige, unqualifizierte Behauptungen über Pflanzen-Gentechnik im Dauerstakkato oder auf seitenlange Ausführungen mit Pseudogeschwafel und darauf, dass die meisten abschnallen, wenn's kompliziert wird.

Ich kann keinem verübeln bei Kompliziertem abzuschnallen. Mir geht's ähnlich. Ich kann mir kaum ein Urteil erlauben über Dinge, die ich nicht gelernt habe. Was ich aber kann, ist richtigen, erfahrenen Experten vertrauen und zumindest versuchen mich bei Fachleuten zu informieren.

 

Und was macht man gegen Grünlings-Behauptungen? Statt zu verbreiten „Grünlinge haben in dieser Beziehung einen an der Waffel“, wirft man Perlen vor die Säue. In der EU verplemperte man z.B. 300 Millionen Euro innerhalb von 25 Jahren, um auf seriöse wissenschaftliche Weise in etwa 130 Forschungsprojekten zu zeigen, dass Sorten aus der bisherigen Züchtung und Sorten aus Züchtung mit Gentechnik sich praktisch in Nichts unterscheiden, was vermeintliche Risiken und Gefahren betrifft. Aber jeder, der von der Sache (Züchtung, Genetik, Biochemie, Molekularbiologie) tatsächlich was versteht, muss von vornherein zu dieser Schlussfolgerung kommen.

Entschuldigung, der vorherige Absatz war vielleicht etwas kompliziert. Ich kann's auch kürzer sagen: Politiker haben sinnlos Geld zum Fenster hinaus geschmissen, nur weil Grünlinge andauernd quakten. (Und wenn sie nicht gestorben sind, dann quaken sie noch heute.)

 

Grünlinge haben auch Experten; sogar „richtige“, besser gesagt richtig gepolte. Die sind Tag und Nacht, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, also kurz – unermüdlich – bemüht, nach der berühmten gefährlichen Nadel im Heuhaufen zu suchen. Ein paar wenige dieser Experten haben sogar ein Labor. In dem versuchen sie solange Experimente durchzuführen, bis …. ja, bis durch Zufall das Ergebnis passen könnte (Stichwort: Seralini – Gentechnik, Rattentumore und Krebs). Hilfe! Und bevor noch ein richtiger Fachmann dies alles kritisch begutachten kann, verfüttert man voreilige Schlussfolgerungen an unkritische Reporter. Und das, so schnell wie es eben geht. Bingo: Wieder eine kurze, fette Anti-Pflanzen-Gentechnik-Überschrift in sämtlichen Medien, wieder grünliche Punkte im unermüdlichen Kampf gegen gentechnisch gezüchtete Pflanzen. So läuft das mit der Propaganda.

 

G: Und da wären dann noch die fremden Gene. Das ist ja völlig abartig und widernatürlich. (Behauptung)

 A: Ich habe jetzt keine Lust mehr auf die ewigen Wiederholungen zu antworten. Guckt einfach in Beitrag 14 nach und vergesst nicht den Abschnitt über die Süßkartoffel zu lesen. Dazu gibt's jetzt auch was in Beitrag 16.

L: Ich werde mir den noch mal genauer ansehen.

G: Hmpf. Ich gehe jetzt Gen-Pflanzen ausreißen.