Stand: Aug. 2018

 

18. ...irres Gelächter...
 
(oder: Das Urteil des EuGH ist doch wunderbar)


Hahahahähähä... Ab dem 25. Juli dieses Jahres bekomme ich von Zeit zu Zeit Anfälle von irrem Gelächter. An diesem Tag verkündete nämlich der Europäischen Gerichtshof (EuGH) sein Urteil.
Mein irres Gelächter kann ich nur stoppen in dem ich mir eines meiner vielen Gentechnikbücher zwischen die Zähne klemme. In jedem Zimmer meiner Wohnung liegt eins - auch auf der Toilette - für den Fall, dass ich wieder einen Anfall bekomme.

Die Richter haben doch tatsächlich Recht! Das Urteil musste so ausfallen. Jeder der anderes erwartet hatte, hat keine Ahnung von Rechtsprechung. Lieber Leser, ICH, ich hatte auch keine Ahnung. Wieso sollte ich auch? Ich verbringe meine Zeit lieber mit dem Lesen von interessanten Fakten zu Züchtung und Gentechnik im Speziellen und Naturwissenschaft im Allgemeinen. Es kann sein, dass Sie vom Folgenden auf Anhieb nicht alles verstehen. Alles verwirrend. Auch für mich. Lesen Sie es bis zum Ende und dann noch mal von vorn. Vielleicht klappt's.

Hahahahähähä...Stopp, wo ist mein Buch zum draufbeißen? Da versuche ich Ihnen nun schon verzweifelt in 17 Beiträgen den Unterschied zwischen zwei (oder auch drei) Arten von Züchtungsmethoden zu erläutern. Die eine, das ist die alte gentechnische Methode, die so ab 1975 entwickelt wurde. Die andere das ist die Mutagenese-Methode, so ab den 1940er Jahren. Sie wissen: Bei der Mutagenese-Technik taucht man die armen Pflänzchen in gräßlich giftige (auch krebsverursachende) Chemikalien oder man brät sie mit radioaktiver Strahlung, so lange bis sie in einem erbärmlichen Zustand sind. Hier die Nummern der Beiträge, wo ich es Ihnen geschildert habe: 07; aber auch in 04, 12, 15, 17 gibt's ein paar Zeilen dazu. 

Nicht, dass Sie nun meinen, ich hätte Ihnen prinzipiell was Falsches erzählt und ich müsse alles zurücknehmen. Nein, das nicht. Ich habe mich nur in zwei Punkten geirrt. Laut europäischem Gentechnikgesetz von 2001 hat man anscheinend die Mutagenese-Methoden doch tatsächlich irgendwie rückwirkend zu „Gentechnik“ erklärt [1]. Denn, die gezüchteten Sorten, die dabei rauskommen, werden ebenfalls als GVOs bezeichnet. GVO erkläre ich Ihnen weiter unten. Ei, der Daus! Es gibt also eine uralte Gentechnik-Methode! [2] Wir haben schon seit 1940 (!!!) GVOs, also Pflanzensorten, die mit so was wie Gentechnik gezüchtet wurden! Die heute 80-Jährigen sind also schon mit Gentechnik groß geworden! Hahahahähähä...Hilfe, ich brauche mein Buch zum draufbeißen!
Oder anders: Als man das Gentechnikrecht einführte, um die alte (ab 1975ff) Gentechnik massiv zu regulieren, saß man damit gewissermaßen in der Bredouille. Denn diese alte Gentechnik war schon von der Technik her 1000 mal besser als die uralte Mutanten-Gentechnik. Natürlich war das allen klar. Aber Grünlinge quakten und veranstalteten Riesenspektakel, zogen alle Register der Manipulation zur Knebelung der alten Gentechnik und wurden erhört: In der EU, aber ganz besonders in Deutschland.
Die uralte Mutanten-Gentechnik bekam salopp formuliert einen „Oldtimer-Status“: Ein gentechnischer Langzeitversuch, ohne Kennzeichnungen, keine Untersuchungen, keine Vorsorge. Umwelt hin, Umwelt her: „Et hätt noch immer jot jejange“ [3]. Da wird ein Paragraph des „kölnischen Grundgesetzes“ in die europäische Gentechnikverordung aufgenommen. Alaaf! Obwohl die Mutanten-Methode laut Definition [4] der Richtlinie (s.o.) so was wie Gentechnik ist, macht man einfach mal so - sehr selektiv - eine Ausnahme. Denn was wäre die Konsequenz gewesen? Das habe ich, lieber Leser, schon mal in Blogbeitrag 12 und 17 kurz angedeutet. Weil man sonst - so Pi mal Daumen - ein Drittel aller Sorten und einen ziemlich großen Teil unserer Lebensmittel als „gentechnisch verändert“ hätte kennzeichnen müssen. Dann aber hätte die alte Gentechnik (also die von 1975ff) ja den von Grünlingen in alle Himmelsrichtungen projizierten Schrecken verloren. Es wären nur noch vergleichsweise wenige Kennzeichnungen dazugekommen.
Dieses „Et hätt noch immer jot jejange“ ist - hier sehr stark verkürzt - die Begründung für das Urteil der Richter vom EuGH. Hahahahähähä...Hahahahähähä...Hahahahähähä...Wo ist das Buch zum draufbeißen, damit der Gelächteranfall vorbeigeht? Da viele der ab 1940 Geborenen ja noch ganz munter sind und keinerlei Schäden zeigen, ja es sogar in der Bevölkerung 90- und über 100-Jährige gibt, hat man lange genug mit der uralt Gentechnik Erfahrung gesammelt, um sagen zu können: Sie ist sicher. Hahahahähähä...
Ich werde Ihnen nun zum x-ten Mal beschreiben wie diese Uralt-Methode aussieht. Sie funktioniert wie eine Schrotflinte: Drauf halten und abziehen. Die Hauptsache, wir treffen was. Was ist egal. Irgend etwas Vorteilhaftes für den Züchter, den Landwirt und damit natürlich auch für uns, die wir ja alle essen müssen, wird schon dabei sein. Der Schrott, der dabei noch passiert, interessiert uns nicht. Das alles habe ich im Prinzip in meinen bisherigen Beiträgen erwähnt.

Bitte aufgepasst! Eine wichtige Klarstellung! Ich möchte keinen falschen Eindruck erwecken. Wenn schon Regelungen, dann etwa so wie in Amerika. Und als Gentechnik-Freund bin ich auch für Ausnahmen, sogar sehr; für viele Ausnahmen. Aber nicht selektiv und auf so plumpe, schlampige, inkonsequente Art und Weise.
Zugegeben, die alten Gentechnik-Methoden (1975ff) und die jetzt ein paar Jahre alten neuen Gentechnik-Methoden (ca. 2015) sind laut Richterspruch noch nicht lange genug auf die Menschheit losgelassen worden. Überschlagen wir mal grob. 2018 minus 1940 ergibt 80 Jahre oder 60 Jahre, wenn man mal das Datum der zitierten Richtlinie von 2001 nimmt. 1975 (alte Gentechnik) plus 60 ergibt 2035. Im Jahre 2035 könnten wir damit rechnen, dass uns die Richter dann auch die alte Gentechnik aus Altersgründen genehmigen. Die neue Gentechnik dann 30 Jahre später im Jahr 2065.
Hahahahähähä...Hahahahähähä...Ich halt's im Kopf nicht aus. Vielleicht habe ich mich bei der Berechnung auch vertan und alles ganz falsch verstanden.

Was könnte die Lösung sein? Nicht für mich. Nein, für die vielen dem Neuen aufgeschlossenen Menschen, für die frustierten Forscher, Züchter und Landwirte und für die vertanen Chancen? Antwort: Nur die Änderung der Gentechnik-Richtlinie durch das Europäische Parlament kann die verhehrenden Folgen des Richterspruchs rückgängig machen. Die Richter trifft keine Schuld. Sie haben aber auch keine Ahnung von Züchtung. Ich will es mal ganz vorsichtig formulieren: Auf diesem Gebiet ähneln sie ein wenig den Grünlingen. Dafür kennen sie sich halt mit verschnörkelten und verdrechselten Paragraphen aus. 
Schade, dass man vertane Chancen nicht einklagen kann, dann säßen die wahren Grünlinge nämlich ganz schön in der ….eh, Natur. Da fühlen sie sich wohl. Und das Schlimmste ist: Wenn man dann Grünlinge auf die Ausnahme zur Uralt-Mutanten-Gentechnik anspricht, dann antworten Sie mit dummdreistem spöttischem Ausdruck im Gesicht ohne rot zu werden „das ist historisch bedingt“. Mit anderen Worten: Es geht ihnen in Wirklichkeit gar nicht um irgendwelche Risiken oder Gefahren, sondern um's Spendenkassieren. Da kann einem wirklich der Kragen platzen und das ironische Gelächter vergehen. Tief durchatmen...

Ach ja, den zweiten Punkt, in dem ich mich geirrt habe, muss ich noch ansprechen: GVO. Das Kürzel habe ich oben erwähnt. Wo steht es noch in meinem Blog? Ich muss nachsehen. Ja, tatsächlich. Aber nur ein einziges Mal in Beitrag 16. Es ging um Süßkartoffeln: ...Tatsache ist: Alle Sorten, die heute im Handel sind, müssten wir, wenn wir uns denn einmal des offiziellen Sprachgebrauchs bedienen wollen, als „gentechnisch veränderte Organismen“ (kurz: GVO) bezeichnen; denn sie enthalten „artfremde“ DNA. Grünlinge müssten sie nun als „Gen-Fraß“ und „Frankenstein-Food“ oder wie immer anprangern, denn alle diese wohlschmeckenden Süßkartoffel-Sorten tragen das Stückchen Agrobakterien-Erbmaterial mit sich herum, bis zum heutigen Tag. Und heute essen Milliarden Menschen diese nahrhafte Knolle....

Hätte ich's nicht unterstrichen, hätten sie meinen Fehler kaum bemerkt. Ich hätte schreiben müssen: …„genetisch veränderte Organismen“ (kurz: GVO) . Ich war der Meinung GVO heißt „gentechnisch veränderter Organismus“. Also z.B. ein Pflänzchen, das mit Hilfe von „alter“ Gentechnik (so ab 1985) gezüchtet wurde oder eben ganz natürlich entstanden ist, wie im Beispiel der Süßkartoffel. GVO ist aber ein „genetisch veränderter Organismus“. Haben Sie den kleinen, aber feinen Unterschied bemerkt?
In der „Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. März 2001“ kommt das Kürzel „GVO“ auf 38 Seiten ungefähr 250 mal vor. Nein, ich habe die Richtlinie nicht gelesen und keine Strichliste auf Bierdeckel gekrickelt. Ich werde sie auch nicht mehr lesen. Denn Sie enthält den längst überholten gesammelten Quark von Grünlingen. Aber leider ist sie die rechtliche Grundlage für das Urteil der Richter im Europäischen Gerichtshof. 

Lieber Leser, ganz zum Schluss an Sie die Quiz-Frage: Was ist eigentlich nach der Definition der Richtlinie ein „genetisch veränderter Organismus“? Nein! Als Antwort will ich jetzt nicht das Kürzel „GVO“ hören. Sie wissen es nicht mehr? Dann gucken Sie sich doch einfach nochmal Beitrag 07 an. Alle Nachkommen der Pflänzchen, die mit Methode I, II oder III gezüchtet wurden, sind genetisch verändert, gegenüber der Ausgangssorte. Auch bei Methode III gibt es praktisch keines, dass nicht irgendwo ein paar kleine Veränderungen gegenüber seinen Eltern hätte. Aber die von Methode III sind laut Richtlinie keine GVO, und daher nicht genetisch verändert, obwohl man mit modernen Methoden in jeder der zehn- oder hunderttausend Nachkommen Veränderungen finden kann!

Vermutlich haben Sie nicht alles verstanden. Ich kann Sie beruhigen, ich auch nicht. Vielleicht sollten wir noch mal von vorne beginnen. 

[1] RICHTLINIE 2001/18/EG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 12. März 2001 über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt und zur Aufhebung der Richtlinie 90/220/EWG des Rates [2] Um das Folgende zu verstehen, möchte ich auch einmal ein paar Definitionen definieren. Stellen wir uns die Frage, welche Methoden gibt es denn überhaupt heute, um neue Sorten zu züchten? Da ist erstens mal das Kreuzen von Sorten. Das habe ich immer nur am Rande erwähnt, damit die Sache nicht zu kompliziert wird. Diese Methode nenne ich mal ururalt. Gut funktionieren tut sie seit etwa 1900. Sie funktioniert langsam, manchmal viel zu langsam. Dann gibt es zweitens die Mutagenese-Methoden, ich nenne Sie hier im Weiteren auch uralte Gentechnik-Methoden (ca. 1940). Dann gibt es drittens seit etwa 1975 die alten Gentechnik-Methoden und viertens seit ein paar Jahren (ca. 2015) die neuen Gentechnik-Methoden bei Pflanzen. Tatsächlich gibt es noch ein paar andere, aber die lassen ich jetzt mal weg [3] Für Nicht-Kölner hier der Sinn dieser kölnischen Redewendung: Es ist noch immer gut gegangen [4] Und Sie wissen ja, aus Beitrag 14, dass es mit den Definitionen gar nicht so einfach ist

Schlussbemerkung:
Eigentlich sollte es in Beitrag 18 um die neue Gentechnik (ca. 2015) gehen. Aber dann kam das Urteil des EuGH dazwischen. Und nun weiß ich nicht, ob ich darüber überhaupt noch was schreiben soll, denn über die neue Gentechnik gibt es mittlerweile schon viele relativ leicht verständliche Texte.