Okt. 2020

 

 

21. ...Nulpen...

 

Das schon seit Jahrzehnten aus meinem aktiven Wortschatz verschwundene Wort "Nulpen" kam mir urplötzlich beim Blättern auf Webseiten über Gentechnik wieder in den Sinn. Kennen Sie den Ausdruck "Nulpe"? Nicht? Dann schlagen Sie einfach im Duden oder im Internet nach.

Einige grünliche "Nulpen" veröffentlichten flugs am 7. September 2020 in einer Zeitschrift mit dem Namenslogo "foods" etwas außerordentlich Wichtiges [01]. Sie verkündeten es laut tönend. Nicht minder flugs stimmten daraufhin schlitzohrige NGOs (insbesondere Greenpeace) und ein Haufen un-investigativer Medien und ahnungsloser Politiker in großartige Lobpreisungen ein. Was war geschehen? Ich will es einmal pauschal und übertrieben formulieren - ganz so wie es Grünlinge unentwegt vormachen: Die "Nulpen" brüsteten sich damit, erstmals einen Weg gefunden zu haben, bei jeder Kulturpflanze erkennen zu können, ob diese mit einer der neuen hinterhältigen Gentechnik-Methoden erzeugt wurde oder nicht. Und prompt erkannten kompetente Forscher, dass sich die Grünlinge damit wissenschaftlich ziemlich lächerlich gemacht haben. Wunderbar erklärt wurde das auf dem Blog von Susanne Günther [02] und verständlich kommentiert von Ludger Wess [03].

Lieber Leser, worum es dabei geht, möchte ich Ihnen auf simple Weise näher bringen. Zuerst die Analogie. Dieses Mal ist es nicht der Straßenverkehr wie in Beitrag 17, sondern das Korrekturlesen im Verlagswesen. Später wird dann kurz die Rede sein von so merkwürdigen Dingen wie "spontanes Mutationsereignis" [04] oder "Genom-Editierung" [05].

Was passiert beim Korrekturlesen? Zwei nette angestellte Damen mit Namen Sponta und Edita verbessern (oder sagen wir hier besser: verändern) die Zeichensetzung, die Rechtschreibung oder die Grammatik eines Textes. Wer schon öfter diesen Blog besucht hat, wird sich sicherlich nicht wundern, wenn der Text eine Betriebsanweisung sein soll. Nun kommt ein grünlicher Magier daher und behauptet er hätte Zauberformeln, die beliebigen Stellen des Textes entlocken könnten, wer von den beiden Damen an diesen Stellen die Veränderungen vorgenommen habe. Der grünliche Magier darf sich sogar selbst seine Textpassagen aussuchen und dort sein Sprüchlein zur Wahrheitsfindung aufsagen.

Die Ausgangsversion lautet:   ...atggtcatgc aatgggaaga...

Die veränderte Version lautet: ...atggtcatgc aattggaaga...

Wenn hier acgt-Folgen auftauchen, wie öfter hier im Blog geschehen, könnte es sich also tatsächlich um eine Betriebsanweisung (in Form von DNA, also Erbsubstanz) aus Lebewesen handeln.

Nun die Frage an den grünlichen Magier: Wer hat das g der Ausgangsversion zu t verändert? Sponta oder Edita?

Murmel, murmel... Die Antwort des grünlichen Magiers heißt Edita. Was aber leider falsch ist. Richtig ist: Beide haben am Text gearbeitet, aber Sponta hat das g verändert. Edita hat zwar auch an Textveränderungen mitgewirkt, aber nicht an diesem g. Und woher wissen wir das? Ganz einfach. Richtige Experten brauchen einfach nur einen Blick in das zugängliche offizielle Arbeitsprogramm der beiden Damen zu werfen [02]. Ganz ohne Zauberei. Richtige Experten sagen aber auch, wenn es kein Arbeitsprogramm gegeben hätte, dann könne niemand auf der Welt herausfinden, wer das g verändert hat, auch keine grünlichen Magier. Soweit die Analogie.

Über CRIPR/Cas berichtete ich schon in Beitrag 20 [06]. Es ist eine von mehreren neueren Methoden, um gezielt einzelne Buchstaben an den langen dünnen DNA-Fäden auszutauschen. Zusammenfassend heißen sie auch "Genom-Editierung" oder "Gen-Chirurgie". Nach ihrem Einsatz überprüft man mit DNA-Lesetechniken, ob's geklappt hat, so wie im Verlagswesen noch einmal überprüft wird, ob die Veränderungen, die Korrekturen richtig erfolgt sind. Seit Jahrzehnten sind die Überprüfungsmethoden und die Routine-Techniken zum Auslesen der acgt-Buchstabenfolgen permanent verbessert worden. Heute ist es nichts besonderes mehr, Millionen oder gar Milliarden von Buchstaben in den Betriebsanweisungen der Lebewesen zu entziffern. Nehmen wir als Beispiel Raps. Man kann oder könnte heute im Prinzip jede neue Sorte, egal wie sie entstanden ist, mit den anderen Rapssorten vergleichen. Besonders schnell geht es bei kurzen Textabschnitten [07].

Stellen wir uns einmal vor, Sie sind Landwirt. Die Böden ihrer Felder sind besonders gut für den Rapsanbau geeignet; also bauen Sie Raps an. Im Gegensatz zu Grünlingen ist es Ihnen eine Herzensangelegenheit, dass der Raps gut gedeiht, kräftig wächst und Ihnen hohe Erträge beschehrt - auch finanziell. Andere Pflanzen, die den Ertrag mindern (genannt: Unkräuter), haben auf Ihren Feldern nichts verloren und können mit Unkrautvernichtungsmitteln (Herbizide) [08] leicht in Schach gehalten werden; vorausgesetzt Sie pflanzen Rapssorten, denen diese Herbizide nichts anhaben. Im Idealfall wächst nur Ihr Raps und sonst nichts.

Jetzt müssen wir ein wenig tiefer graben, nicht im Acker, sondern in der Betriebsanweisung vom Raps. Damit nähern wir uns auch schon mit Riesenschritten der Thematik. Vergleichen Sie im Folgenden das Original mit der Kopie und suchen Sie den Fehler. Anders formuliert: Vergleichen Sie die acgt-Folge [09] der Ausgangssorte mit der der neuen Sorte.

Ausgangssorte: ...atggtcatgc aatgggaaga...

Neue Sorte:   ...atggtcatgc aattggaaga...

Diese beiden Buchstabensequenzen sind Ihnen - was für ein Zufall! - oben schon begegnet.

Und nun sagen Sie mir bitte, ob das t, welches nun anstelle eines g da steht, mit Hilfe von Genom-Editierung [10] verändert wurde oder durch ein ganz spontanes Mutations-Ereignis von "Mutter Natur" [11].

Sie werden denken: "Wie soll ich - als Laie - so was entscheiden. Dazu braucht's einen Fachman." Ich versichere Ihnen: Weder Fachfrau noch Fachmann können Ihnen da weiterhelfen und auch keine grünlichen Magier.

Sie werden es nur dann herausfinden, wenn Sie von irgendwem erfahren, wer gerade an diesem speziellen Teil der Betriebsanleitung mit Hilfe von Züchtungsmethoden gearbeitet hat. Sie werden es nie mit Sicherheit herausbekommen, wenn beide den gesamten Text bearbeiteten und es nirgendwo vermerkt wurde, wer wann was veränderte. Wenn über die Rapssorten, die unser Landwirt anbaut, nichts weiter bekannt ist, dann kann man zwar diese oder andere Veränderung erkennen, aber keine noch so ausgeklügelte Technik kann über den Ursprung der Veränderung Auskunft geben.

Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, was so Wichtiges an diesem g oder t ist. Hier die Antwort: Hat der Raps an dieser Stelle seiner Erbsubstanz ein g, dann kann der Landwirt seine wirtschaftliche Methode mit dem Unkrautvernichtungmittel [08] nicht einsetzen. Er müsste das Unkraut vor der Bestellung seiner Felder unterpflügen und während der Wachstumsperiode mühsam mit der Hand das Unkraut jähten. Die Rapssorte mit dem g würde leider nach dem Versprühen des Herbizids den Löffel abgeben, genau so wie das Unkraut. Ein t an dieser Stelle aber bedeutet: Der Raps ist gegen das Herbizid gefeit. Der Landwirt erspart sich eine Menge Arbeit.

Vielleicht fragen Sie jetzt, wie so ein einziger Buchstabe so einen großen Unterschied ausmachen kann. Das zu Vertiefen wäre ein eigenes Thema. Schauen Sie im Internet nach. Vielleicht könnte zuvor ein Blick in Blogbeitrag 13 nützlich sein.

Kommen wir zum Ursprung des t zurück. Wenn eine Saatgutfirma beschreibt, wie genau der Züchtungsverlauf war und welche Methoden man zu welchem Zeitpunkt eingesetzt hat, wann also das t entstanden ist, dann kann man schon als Biologiestudent im Praktikum mit geeigneten Methoden herausfinden, welche Rapssorte man gerade vom Praktikumsleiter erhalten hat: Ob es die mit dem g oder die mit dem t ist. Somit sind die in der Zeitschrift "Foods" [01] beschriebenen Methoden absolut nichts Neues.

Wenn man aber schlampig recherchiert hat, wie unsere Grünlinge, und übersieht, dass dieses t gar nicht durch die eingesetzte neue Gentechnik-Methode [10] entstanden ist, sondern eine Art spontaner Mutation [11] war, dann ist es schon gerechtfertigt den Ausdruck "Nulpen" zu verwenden: Sie haben bei einer Sorte, die zwar auch was mit neuer Gentechnik zu tun hatte, eine ganz natürliche Mutation nachgewiesen. Hier war der Wunsch der Vater des Gedanken: Weil diese Mutation dem Raps die - in grünlichen Augen schlimme - Herbizid-Toleranz bescherte, konnte das ja wohl nur durch Gentechnik passiert sein. Um die Analogie des Korrekturlesens noch einmal aufzugreifen: In ihrer großartigen Veröffentlichung behaupten sie, Edita hätte den Text korrigiert, obwohl es tatsächlich genau an eben dieser Stelle Sponta war.

Nochmals für Grünlinge: Nur wenn man über den Zuchtverlauf haarklein buchführt und die Informationen öffentlich zugänglich sind, kann man im nachhinein herausfinden, von welcher Sorte man gerade Proben vorliegen hat. Ohne diese Informationen wird es bei so winzigen Veränderung nicht möglich sein. Aus eben diesen Gründen sieht man das mit dem Gen-Editieren in vielen Ländern der Welt recht locker. Und bei diesem Gedanken muss ich breit fröhlich grinsen. Die Zahl der neuen Sorten zum Wohl der Umwelt, Landwirte und Kunden wird rapide zunehmen, die der faktenresistenten ältlichen Grünlinge langsam aber sicher abnehmen.

 

 

[01] Foods 2020, 9, 1245: A Real-Time Quantitative PCR Method Specific for Detection and Quantification of the First Commercialized Genome-Edited Plant. Auf deutsch sinngemäß stark vereinfacht: Eine Nachweismethode, die spezifisch ist für die erste überhaupt kommerziell verwendete Pflanzensorte, die mit eine der neusten Methoden gezüchtet wurde  [02] https://schillipaeppa.net/2020/09/09/greenpeace-et-al-entdecken-spontanmutation/?fbclid=IwAR1nE9M-MwvB45cwy45lSYNegQy6xkoem9wabu_c-xvGNRGbiDVAMLMXTMM  [03] https://www.salonkolumnisten.com/nowhere-to-hide-gentechnik-gurus-fakten-und-medien/  [04] als "somaklonale Variation"; siehe Anmerk. 11  [05] was in etwa das gleiche bedeutet wie "Gen-Chirurgie"  [06] http://gentechnik-freund.simplesite.com/442666269  [07] wo die PCR-Methode eine Rolle spielt, wie dem englischen Titel der Veröffentlichung zitiert in Anm. 01 zu entnehmen ist  [08] Unkrautvernichtungsmittel = Herbizid; wäre nicht Beikrautvermeidungsmittel ein hübscheres Wort?  [09] das ist nur eine winzige Stelle aus der riesigen Betriebsanweisung von Raps, daher die Pünktchen vorn und hinten. All dies kann man in Veröffentlichungen und Datenbanken nachsehen und etwas davon auch in der Veröffentlichung zitiert in Anm. 01  [10] bei der von den Grünlingen ausgesuchten Raps-Sorte handelt es sich tatsächlich um eine solche, bei der im Züchtungsgang auch eine der neueren gentechnischen Methoden mit der Bezeichnung ODM (Oligonucleotid-gesteuerte Mutagenese) eingesetzt wurde  [11] hier liegt eine spontane Mutation vor, die vermutlich auf natürliche "somaklonale Variation" zurückgeführt werden kann (suchen Sie "somaklonale Variation" im Internet)